Fettnapf


Andere Länder, andere Sitten - das gilt nicht zuletzt auch für Kommunikationsregeln. Wer ihre internationalen Rituale nicht kennt oder befolgt, manövriert sich auch beim Smalltalk schnell ins Abseits.

Im Fernen Osten und in Europa zum Beispiel gilt die Frage nach Gehalt oder Jahresverdienst als Tritt in den größtmöglichen Fettnapf. In den USA hingegen ist das eine absolut akzeptable Gesprächseröffnung, die sogar direkt nach der gegenseitigen Vorstellung erfolgen kann.

Ähnliches gilt für Fragen nach dem Privatleben, insbesondere der Familie. Hier herrschen international die unterschiedlichsten Regeln. Der britische Biologe Desmond Morris definiert und teilt die Nationen hierbei nach so genannten Arm-Zonen ein:

* In Ellenbogen-Ländern wie Spanien, Italien, Griechenland, Türkei, Indien und Südamerika kommt man sich beim Gespräch auch unter Fremden so nah, dass die Ellenbogen sich berühren. Persönliche Beziehungen werden wichtiger genommen als staatliche Gesetze. Mehr noch: Sie sind oft sogar Voraussetzung für spätere Geschäftsverhandlungen. Fragen nach Privatem sind deshalb bessere Smalltalk-Themen als die Diskussion abstrakter Probleme. Auch Komplimente dürfen hier direkt und sehr persönlich sein.

* In Handgelenk-Kulturen wie Frankreich, USA, Russland, den arabischen Ländern, China und Australien wächst der Abstand, den Gesprächspartner als angenehm empfinden, auf Fast-Armeslänge. In diesen Gegenden konzentriert sich Smalltalk zwar auf Menschen und Familien, aber eben mehr indirekt. Ein Kongressredner, dem beide zugehört haben, ist daher oft ein brauchbareres Thema als das Privatleben des Angesprochenen. Komplimente in Bezug auf intellektuelle Leistungen im Gespräch kommen besser an als ein Lob für gutes Aussehen.

* In Fingerspitzen-Staaten wie Deutschland, England, den skandinavischen Ländern, Kanada oder Japan wird dagegen Wert auf großen körperlichen Abstand gelegt. Privatleben oder Familie sind teilweise sogar tabu. Hier ist ein Gespräch über die gemeinsam erlebte Situation ergiebiger als über Persöuliches. Komplimente über den Beruf, die Firma, das professionelle Wissen des Gesprächspartners werden unbefangener entgegengenommen. Ein Lob über die Person oder seine Kleidung wird eher als aufdringlich oder einschleimend empfunden.

Unabhängig von der Arm-ZonenTheorie gelten für das professionelle Geplauder generell folgende Regeln: Fragen nach regionalen Speisen und Getränken, am besten in ein Lob für die Landesküche verkleidet, sowie Komplimente über lokale Sehenswürdigkeiten werden weltweit als problemlose Gesprächseröffnungen akzeptiert.

Politik und Religion sind dagegen nach wie vor ungeeignet für den Smalltalk - hieruber lässt sich schnell streiten. Auch das Wetter empfiehlt sich nur, wenn der Ausländer es überzeugend loben kann.

Wirtschaftswoche, Nr. 45, 2.11.2000